Ihr Vater steht morgens nur noch mühsam vom Stuhl auf. Ihre Mutter schafft den Weg zur Toilette nicht mehr allein. Was viele für normales Altern halten, hat oft eine konkrete Ursache: Muskelabbau. Und der lässt sich aufhalten – auch wenn Ihr Angehöriger bereits pflegebedürftig ist.

Ab dem 50. Lebensjahr verliert der Körper jährlich 1–2 % seiner Muskelmasse. Bei Bewegungsmangel oder Bettlägerigkeit beschleunigt sich dieser Prozess dramatisch: Schon zwei Wochen ohne Bewegung können die Muskelkraft um ein Drittel verringern. Die Folgen sind Stürze, Brüche und im schlimmsten Fall der Verlust der letzten Selbstständigkeit.

Die gute Nachricht: Als pflegender Angehöriger können Sie gezielt gegensteuern. Dieser Artikel erklärt Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie Muskelabbau bei Ihrem Angehörigen erkennen, welche einfachen Maßnahmen wirklich helfen – und welche Kosten die Pflegekasse übernimmt.

Was ist Sarkopenie – und warum betrifft es fast jeden Pflegebedürftigen?

Sarkopenie ist der Fachbegriff für den übermäßigen Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft im Alter. Das Wort kommt aus dem Griechischen: „Sarx" bedeutet Fleisch, „Penia" bedeutet Mangel. Seit 2016 ist Sarkopenie offiziell als Krankheit anerkannt.

Der natürliche Muskelabbau beginnt bereits ab dem 30. Lebensjahr – mit etwa 3–8 % pro Jahrzehnt. Ab dem 50. Lebensjahr beschleunigt sich der Prozess. Bei den über 80-Jährigen sind je nach Studie 30–50 % betroffen. Bei pflegebedürftigen Menschen, die sich wenig bewegen, liegt das Risiko noch deutlich höher.

Wichtig ist hier: Muskelabbau ist kein unvermeidliches Schicksal. Er lässt sich in jedem Alter bremsen und teilweise sogar umkehren. Das ist wissenschaftlich belegt.

Woran erkennen Sie Muskelabbau bei Ihrem Angehörigen?

Muskelabbau verläuft schleichend. Oft fällt er erst auf, wenn alltägliche Dinge plötzlich nicht mehr funktionieren. Achten Sie auf folgende Anzeichen:

  • Das Aufstehen vom Stuhl oder aus dem Bett fällt zunehmend schwer

  • Treppensteigen wird vermieden oder ist nur noch mit Hilfe möglich

  • Die Ganggeschwindigkeit nimmt deutlich ab, das Gehen wird schlurfend

  • Der Griff wird schwächer – Flaschen öffnen oder Besteck halten bereitet Mühe

  • Oberschenkel und Arme wirken dünner, die Kleidung wird weiter

  • Häufigere Stürze oder Beinahe-Stürze

  • Schnelle Ermüdung und allgemeine Kraftlosigkeit

💡 Tipp für den Alltag Ein einfacher Test: Bitten Sie Ihren Angehörigen, ohne Hilfe der Hände vom Stuhl aufzustehen. Gelingt das nicht oder nur unter großer Anstrengung, sollten Sie das Thema Muskelabbau mit dem Hausarzt besprechen.

Warum Pflegebedürftige besonders gefährdet sind

Bei pflegebedürftigen Menschen kommen mehrere Risikofaktoren zusammen, die den Muskelabbau beschleunigen:

Bewegungsmangel

Das ist der Hauptfaktor. Wer überwiegend sitzt oder liegt, verliert rapide Muskulatur. Bei Bettlägerigkeit ist der Abbau besonders drastisch. Es entsteht ein Teufelskreis: Weniger Muskeln führen zu weniger Bewegung, weniger Bewegung führt zu noch weniger Muskeln.

Mangelernährung

Viele ältere Menschen essen zu wenig – und vor allem zu wenig Eiweiß. Der Appetit lässt nach, Kauen und Schlucken fallen schwerer, Medikamente beeinträchtigen den Geschmack. Dabei bräuchten Senioren sogar mehr Eiweiß als jüngere Menschen, weil der Körper im Alter Proteine schlechter verarbeitet.

Chronische Erkrankungen

Diabetes, COPD, Herzinsuffizienz, Krebs oder rheumatische Erkrankungen können den Muskelabbau zusätzlich beschleunigen. Auch höhere Cortisolspiegel durch Dauerstress oder bestimmte Medikamente (z. B. Kortison) fördern den Abbau.

Vitamin-D-Mangel

Vitamin D spielt eine wichtige Rolle für die Muskelgesundheit. Viele ältere Menschen, die selten nach draußen kommen, haben einen Mangel. Das begünstigt sowohl Muskelschwäche als auch Knochenschwund.

Bewegung: Die wichtigste Maßnahme gegen Muskelabbau

Krafttraining ist die wirksamste einzelne Maßnahme gegen Sarkopenie – und das gilt auch für hochbetagte Menschen. Selbst bei über 90-Jährigen zeigen Studien messbare Verbesserungen durch regelmäßiges Training. Es muss kein Fitnessstudio sein. Schon einfache Übungen im Alltag können viel bewirken.

Für Angehörige, die noch mobil sind

Wenn Ihr Angehöriger noch gehen und stehen kann, sind folgende Aktivitäten besonders hilfreich:

  • Tägliche Spaziergänge – auch kurze Strecken zählen

  • Aufsteh-Übungen vom Stuhl: 5–10 Wiederholungen, 2–3 Mal am Tag

  • Treppensteigen – wenn sicher möglich, mit Geländer

  • Zehenstand: Am Spülbecken oder Tisch festhalten und auf die Zehenspitzen gehen

  • Kniehebelauf im Sitzen: Im Stuhl sitzend abwechselnd die Knie anheben

Bettgymnastik: Übungen bei Bettlägerigkeit

Auch wenn Ihr Angehöriger das Bett nicht verlassen kann, ist Bewegung möglich und wichtig:

  • Fußwippen: Zehen abwechselnd strecken und Richtung Knie ziehen – 10 Wiederholungen pro Seite

  • Beine abwechselnd im Liegen anheben und langsam ablegen

  • Faustschluss: Hände fest schließen und wieder öffnen – stärkt die Griffkraft

  • Brücke: Beide Füße aufstellen, Becken langsam anheben (nur wenn möglich)

  • Arme mit leichten Gegenständen (z. B. Wasserflasche 0,5 l) heben

💡 Wichtig bei allen Übungen Lassen Sie Ihren Angehörigen nur das tun, was er aus eigener Kraft schafft. Überfordern Sie nicht. Regelmäßigkeit ist wichtiger als Intensität: Lieber jeden Tag 10 Minuten als einmal pro Woche 60 Minuten. Sprechen Sie bei Unsicherheit mit dem Hausarzt oder einem Physiotherapeuten.

Passive Mobilisation durch Angehörige

Wenn Ihr Angehöriger selbst keine Bewegungen mehr ausführen kann, können Sie als Pflegeperson die Gelenke sanft durchbewegen. Das nennt man passive Mobilisation. Dabei bewegen Sie Arme und Beine vorsichtig in ihrem natürlichen Bewegungsradius. Das hält Gelenke beweglich und regt die Durchblutung an.

Lassen Sie sich dafür am besten von einem Physiotherapeuten oder in einem Pflegekurs anleiten. Pflegekurse nach § 45 SGB XI sind für Angehörige kostenlos – dazu gleich mehr.

Eiweißreiche Ernährung: Der zweite Schlüssel zum Muskelerhalt

Bewegung allein reicht nicht. Ohne ausreichend Eiweiß können Muskeln nicht erhalten oder aufgebaut werden. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt für ältere Menschen mindestens 1,0 g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Bei bereits bestehender Sarkopenie raten Experten sogar zu 1,2–1,5 g pro Kilogramm.

Das bedeutet für Sie konkret: Eine Person mit 70 kg Körpergewicht braucht mindestens 70–80 g Eiweiß am Tag. Das ist mehr, als viele ältere Menschen tatsächlich zu sich nehmen.

Gute Eiweißquellen für den Pflegealltag

Lebensmittel

Portion

Eiweiß ca.

Quark (Magerquark)

150 g

20 g

Hühnchenbrust

150 g

31 g

Lachs

150 g

30 g

Eier (2 Stück)

ca. 120 g

15 g

Linsen (gekocht)

150 g

12 g

Käse (Gouda)

2 Scheiben (60 g)

15 g

Joghurt (Natur)

200 g

8 g

Nüsse (Walnüsse)

30 g

5 g

Praktische Ernährungstipps für den Pflegealltag

Eiweiß über den Tag verteilen: Am besten zu jeder Mahlzeit eine Eiweißquelle einplanen. 25–30 g Eiweiß pro Mahlzeit gelten als optimale Menge, damit der Körper es verwerten kann.

Weiche Eiweißquellen bei Kauproblemen: Quark, Rührei, pürierte Hülsenfrüchte, Joghurt oder Fisch sind leichter zu essen als zähes Fleisch.

Trinknahrung als Ergänzung: Wenn Ihr Angehöriger sehr wenig isst, kann eiweißreiche Trinknahrung helfen. Der Hausarzt kann diese verordnen. Die Kosten trägt in vielen Fällen die Krankenkasse.

Vitamin D prüfen lassen: Bitten Sie den Hausarzt, den Vitamin-D-Spiegel zu kontrollieren. Gerade bei Menschen, die selten nach draußen kommen, ist ein Mangel häufig. Bei nachgewiesenem Mangel wird Vitamin D als Nahrungsergänzung verschrieben.

💡 Omega-3-Fettsäuren nicht vergessen Fetter Fisch wie Lachs, Hering oder Makrele liefert wertvolle Omega-3-Fettsäuren, die Entzündungen hemmen und den Muskelerhalt unterstützen. Zweimal pro Woche eine Fischmahlzeit ist ideal. Alternativ: Leinöl oder Rapsöl zum Kochen verwenden.

Was die Pflegekasse bezahlt: Physiotherapie, Hilfsmittel und Kurse

Sie müssen das nicht alleine stemmen. Es gibt mehrere Leistungen, die Ihrem Angehörigen bei Muskelabbau zustehen – und die häufig ungenutzt verfallen.

Physiotherapie auf Rezept

Der Hausarzt kann Physiotherapie verordnen. Bei pflegebedürftigen Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ist auch Physiotherapie als Hausbesuch möglich. Die Kosten trägt die Krankenkasse. Wichtig: Fragen Sie aktiv danach. Viele Ärzte verordnen Physiotherapie nicht von sich aus.

Kostenlose Pflegekurse (§ 45 SGB XI)

Pflegekassen sind gesetzlich verpflichtet, Angehörigen kostenlose Pflegekurse anzubieten. Dort lernen Sie unter anderem Mobilisationstechniken, richtiges Heben und Lagern sowie Bettgymnastik. Diese Kurse gibt es vor Ort und zunehmend auch online.

Pflegehilfsmittel

42 Euro monatlich stehen Ihrem Angehörigen ab Pflegegrad 1 für Pflegehilfsmittel zum Verbrauch zu. Darüber hinaus können bei Bedarf technische Hilfsmittel wie Aufstehhilfen, Toilettensitzerhöhungen oder Gehrahmen über die Pflegekasse beantragt werden. Diese Hilfsmittel unterstützen die Mobilität und helfen, Stürze zu vermeiden.

Entlastungsbetrag sinnvoll nutzen

Der Entlastungsbetrag von 131 Euro pro Monat kann unter anderem für Betreuungsangebote genutzt werden, die Bewegung fördern – zum Beispiel Begleitdienste für Spaziergänge oder niedrigschwellige Gruppenangebote mit Bewegungselementen.

5 alltagstaugliche Tipps, die sofort helfen

1. Jede Bewegung zählt

Ermutigen Sie Ihren Angehörigen, so viel wie möglich selbst zu machen. Auch wenn es länger dauert: Selbst den Löffel zum Mund führen, selbst die Zahnbürste halten, selbst zum Schrank gehen – jede Alltagsbewegung ist Muskeltraining.

2. Routine einbauen

Verbinden Sie kleine Übungen mit festen Tagesabläufen. Zum Beispiel: Vor dem Mittagessen 5 Mal vom Stuhl aufstehen. Oder beim Zähneputzen auf die Zehenspitzen gehen. Routinen halten durch.

3. Gemeinsam bewegen

Machen Sie die Übungen zusammen. Das motiviert und gibt Sicherheit. Außerdem: Was Ihrem Angehörigen hilft, hilft auch Ihnen. Pflegende Angehörige leiden selbst häufig unter Rückenschmerzen und körperlicher Erschöpfung.

4. Sturzangst ernst nehmen

Viele ältere Menschen bewegen sich weniger, weil sie Angst vor Stürzen haben. Das ist verständlich. Schaffen Sie Sicherheit: Stolperfallen beseitigen, gute Beleuchtung, festes Schuhwerk, Haltegriffe anbringen. Wenn die Angst nachlässt, kommt die Bewegung zurück.

5. Kleine Erfolge feiern

Muskelaufbau braucht Zeit. Feiern Sie jede Verbesserung: der erste Gang zum Briefkasten, das selbstständige Aufstehen, die längere Strecke beim Spaziergang. Das motiviert – Ihren Angehörigen und Sie.

Häufige Fragen zum Muskelabbau in der Pflege

Wie schnell baut man Muskeln ab, wenn man nur noch liegt?

Bei vollständiger Bettlägerigkeit kann die Muskelkraft bereits nach zwei Wochen um bis zu ein Drittel abnehmen. Je länger die Unbeweglichkeit andauert, desto schwieriger wird der Wiederaufbau. Deshalb ist es so wichtig, früh mit Bewegung zu beginnen – auch kleine Übungen zählen.

Kann man im hohen Alter überhaupt noch Muskeln aufbauen?

Ja. Studien zeigen, dass selbst Menschen über 90 Jahre noch messbar Muskelkraft und Muskelmasse gewinnen können – vorausgesetzt, sie trainieren regelmäßig und essen ausreichend Eiweiß. Der Aufbau dauert länger als bei jüngeren Menschen, ist aber möglich.

Wie viel Eiweiß brauchen Senioren täglich?

Die Empfehlung liegt bei mindestens 1,0–1,2 g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Bei bestehender Sarkopenie empfehlen Experten bis zu 1,5 g. Am besten verteilt auf drei Mahlzeiten mit jeweils 25–30 g Eiweiß.

Wer kann mir zeigen, wie ich meinen Angehörigen richtig mobilisiere?

Physiotherapeuten können Ihnen Übungen zeigen, die zu Ihrem Angehörigen passen. Außerdem bieten alle Pflegekassen kostenlose Pflegekurse an, in denen Sie Mobilisationstechniken lernen. Fragen Sie bei Ihrer Pflegekasse nach dem Angebot in Ihrer Nähe.

Zahlt die Pflegekasse Physiotherapie zu Hause?

Die Physiotherapie wird von der Krankenkasse bezahlt, nicht von der Pflegekasse. Der Hausarzt muss sie verordnen. Wenn Ihr Angehöriger die Praxis nicht aufsuchen kann, ist Physiotherapie als Hausbesuch möglich. Sprechen Sie den Arzt aktiv darauf an.

Fazit: Muskelabbau lässt sich aufhalten – und Sie können viel tun

Muskelabbau bei Pflegebedürftigen ist häufig, aber nicht unaufhaltsam. Die Kombination aus regelmäßiger Bewegung und eiweißreicher Ernährung ist die wirksamste Maßnahme. Schon kleine Veränderungen im Alltag können einen großen Unterschied machen.

Drei Schritte, die Sie heute noch angehen können:

  1. Beobachten Sie, ob Ihr Angehöriger Anzeichen von Muskelabbau zeigt.

  2. Sprechen Sie beim nächsten Arztbesuch das Thema Sarkopenie, Vitamin D und Physiotherapie an.

  3. Bauen Sie eine kleine Bewegungsroutine in den Pflegealltag ein – gemeinsam.

Pflege ist anstrengend. Aber wenn Sie wissen, worauf es ankommt, können Sie Ihrem Angehörigen helfen, seine Kraft und damit ein Stück Selbstständigkeit zu bewahren. Und das ist viel wert.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Fragen zur Gesundheit Ihres Angehörigen wenden Sie sich bitte an den behandelnden Arzt.

Stand: März 2026 | Pflegekompass-Redaktion

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