Kurzantwort:Ob bei Demenz Pflegegrad 2 oder 3 vergeben wird, hängt nicht allein von der Diagnose ab — der Medizinische Dienst bewertet nach § 15 SGB XI die konkrete Selbstständigkeit in allen 6 NBA-Modulen. Module 2 (Kognition) und 3 (Verhaltensweisen) werden kombiniert gewertet, nur der höhere Wert zählt — und beide zusammen machen maximal 15 Punkte aus.
- Pflegegrad 2: ab 27 Punkten — typisch bei leichter bis mittlerer Demenz, wenn Modul 2 oder 3 deutlich beeinträchtigt und Selbstversorgung teilweise eingeschränkt
- Pflegegrad 3: ab 47,5 Punkten — erfordert zusätzlich erhebliche Einschränkungen bei Selbstversorgung (Modul 4) und/oder Krankheitsbewältigung (Modul 5)
- Kombinationsregel: Module 2 + 3 zählen zusammen nur einmal — der höhere gewichtete Wert fließt ein, nicht die Summe
- Hinweis: Verhaltensauffälligkeiten wie Hinlauftendenz oder nächtliche Unruhe zählen extra in Modul 3 — je nach Stadium können das entscheidende Punkte sein
Viele Familien erleben dasselbe: Der Gutachter war eine Stunde da, hat freundlich gefragt, und am Ende steht ein Pflegegrad der nicht zur tatsächlichen Belastung passt. Besonders bei Demenz ist das häufig — weil die Erkrankung an guten Tagen kaum sichtbar ist.
Dabei ist die Logik des NBA bei Demenz lernbar. Wenn Sie verstehen, was der MD in Modul 2 und Modul 3 bewertet — und warum die beiden Module gemeinsam nur 15 Punkte geben — können Sie sich gezielt vorbereiten und Fehler bei der Begutachtung vermeiden.
Wie der MD Demenz im NBA bewertet
Das Neue Begutachtungsassessment (NBA) verteilt 100 Punkte auf 6 Module mit unterschiedlicher Gewichtung. Demenz berührt vor allem zwei davon direkt — aber deren Zusammenspiel ist häufig missverstanden.
Modul 2: Kognitive Fähigkeiten (7,5 %)
Modul 2 bewertet, wie gut die Person kognitive Aufgaben erledigen kann. Der Gutachter prüft u. a.:
- Personen aus dem näheren Umfeld erkennen
- Örtliche Orientierung (wo bin ich?)
- Zeitliche Orientierung (Datum, Tageszeit)
- Risiken und Gefahren erkennen
- Mitteilungsbedürfnisse äußern können
- Einfache Entscheidungen im Alltag treffen
Jeder dieser Punkte wird mit 0 (selbstständig) bis 3 (unselbstständig) bewertet. Die Rohpunkte aus Modul 2 werden dann über eine Umrechnungstabelle in gewichtete Punkte umgerechnet — maximal 15 gewichtete Punkte.
Modul 3: Verhaltensweisen und psychische Problemlagen (7,5 %)
Modul 3 erfasst Verhaltensauffälligkeiten, die für Demenz typisch sind. Der Gutachter bewertet u. a.:
- Motorische Verhaltensauffälligkeiten (z. B. Hinlauftendenz)
- Nächtliche Unruhe
- Selbstgefährdendes Verhalten
- Beschädigung von Gegenständen
- Aggressives Verhalten gegenüber Personen
- Ängste, Wahnvorstellungen, Depressionen
Auch hier werden die Rohpunkte umgerechnet — maximal 15 gewichtete Punkte.
Die Kombinationsregel: nur der höhere Wert zählt
Hier liegt das größte Missverständnis. Module 2 und 3 werden getrennt berechnet — aber es fließt nur der höhere der beiden gewichteten Werte in die Gesamtpunktzahl ein. Nicht die Summe.
Beispielrechnung:
| Modul | Gewichtung | Rohpunkte | Gewichtete Punkte | Fließt ein? |
|---|---|---|---|---|
| 2: Kognition | 7,5 % | 9 von 15 | 9,0 | Nein — niedrigerer Wert |
| 3: Verhalten | 7,5 % | 11 von 13 | 12,7 | Ja — höherer Wert zählt |
In diesem Beispiel fließen aus Modulen 2 + 3 zusammen 12,7 Punkte in die Gesamtpunktzahl ein — nicht 21,7 (Summe beider). Das bedeutet: Wer in Modul 3 stärker betroffen ist als in Modul 2, profitiert nicht mehr von einer gleichzeitigen starken Beeinträchtigung in Modul 2.
Mehr zum Gesamtsystem erklärt der Ratgeber NBA-Module Pflegegrad 2026.
Demenz-Stadien im Vergleich — was zählt wann?
Die folgende Übersicht zeigt, welche NBA-Module in welchem Stadium besonders relevant sind — und welchen Pflegegrad das typischerweise ergibt.

| Stadium | Hauptzeichen | Modul 2 (Kognition) | Modul 3 (Verhalten) | Pflegegrad-Tendenz |
|---|---|---|---|---|
| Frühstadium | Vergesslichkeit, Wortfindungsprobleme, Unsicherheit bei Entscheidungen | Leicht beeinträchtigt | Kaum auffällig | PG 1–2 |
| Mittleres Stadium | Örtliche Desorientierung, Hinlauftendenz, tagsüber Verwirrung, Hilfe bei Körperpflege | Deutlich beeinträchtigt | Auffälligkeiten häufig | PG 3 |
| Schweres Stadium | Aggressivität, starke Unruhe, vollständig abhängig bei Körperpflege | Stark beeinträchtigt | Stark ausgeprägt | PG 4 |
| Sehr schweres Stadium | Kein Sprachvermögen, keine Kommunikation, keine eigenständige Bewegung | Maximal beeinträchtigt | Oft reduziert (Apathie) | PG 5 |
Die Tabelle zeigt Tendenzen — der tatsächliche Pflegegrad hängt immer von der konkreten Punktzahl in allen 6 Modulen ab, nicht nur von Modul 2 und 3.
Frühstadium — meist Pflegegrad 1 oder 2
Im Frühstadium merken Angehörige oft, dass etwas nicht stimmt — aber der MD sieht beim Termin eine Person, die noch vieles selbst erledigt. Das ist das sogenannte Gut-Tag-Phänomen: Menschen mit beginnender Demenz können sich in einer fremden Situation kurz zusammenreißen.
Die Punktzahl in Modul 2 liegt im Frühstadium in der Regel bei 3 bis 8 von maximal 15 Punkten. Modul 3 ist oft kaum beeinträchtigt. Das ergibt in den kognitiven Modulen zusammen maximal rund 8 gewichtete Punkte — nicht genug für PG 2 allein.
Für PG 2 sind 27 Gesamtpunkte nötig. Diese kommen im Frühstadium nur zustande, wenn auch andere Module betroffen sind — zum Beispiel Modul 4 (Selbstversorgung), wenn die Person beim Ankleiden oder bei der Körperpflege zunehmend Hilfe braucht.
Praxisbeispiel Frühstadium: Frau K., 76, vergisst Termine, verwechselt gelegentlich Wörter und braucht Unterstützung beim wöchentlichen Einkauf. Bei der Körperpflege kommt sie aber weitgehend allein zurecht. Ergebnis: 18 Gesamtpunkte — Pflegegrad 1. Erst als sechs Monate später auch die Körperpflege regelmäßige Hilfe erforderte, wurde bei der Neubegutachtung PG 2 vergeben.
Wer im Frühstadium bereits PG 2 anstrebt, sollte alle Einschränkungen bei der Antragstellung vollständig dokumentieren — auch vermeintlich kleine Einschränkungen bei Alltagsaktivitäten zählen in Modul 4.
Mittlere Demenz — Pflegegrad 3 wahrscheinlich
Im mittleren Stadium wird PG 3 realistisch, weil jetzt mehrere Module gleichzeitig stark beeinträchtigt sind. Die Hinlauftendenz etwa ist ein direktes Modul-3-Merkmal — und zusammen mit tagsüber anhaltender Verwirrung (Modul 2) erreicht der kombinierte Kognitions-/Verhaltenswert seine Höchstpunkte.
Entscheidend für PG 3 ist aber Modul 4 (Selbstversorgung, 40 %): Wer bei Waschen, Anziehen oder Toilettengang regelmäßig Hilfe braucht, sammelt hier die meisten Punkte. Modul 5 (Krankheitsbewältigung, 20 %) kommt dazu, wenn Medikamente nicht mehr selbstständig eingenommen werden.
Praxisbeispiel mittleres Stadium: Herr M., 81, läuft nachts durch die Wohnung (Hinlauftendenz), erkennt seinen Sohn morgens manchmal nicht und braucht bei jedem Waschen und Anziehen vollständige Unterstützung. Medikamente werden von der Ehefrau gestellt. Ergebnis bei der Begutachtung: Modul 2: 11 gewichtete Punkte, Modul 3: 13 gewichtete Punkte (Modul 3 fließt ein), Modul 4: 28 Punkte, Modul 5: 12 Punkte. Gesamtpunkte: 59 — Pflegegrad 3.
Bei Demenz und Hinlauftendenz ist der Hausnotruf bei Demenz eine sinnvolle Ergänzung zur Pflegesicherung.
Was tun, wenn der MD zu niedrig einstuft?
Ein zu niedriger Pflegegrad bei Demenz ist häufig kein Fehler des Systems — sondern ein Dokumentationsproblem. Der MD bewertet das, was er sieht und was dokumentiert ist.

Schritt 1: Pflegetagebuch führen
Mindestens zwei Wochen vor dem Widerspruch oder einer Neubegutachtung täglich dokumentieren:
- Wann und wobei wurde Hilfe geleistet (Uhrzeit, Dauer)?
- Welche Verhaltensauffälligkeiten traten auf (Datum, Art)?
- Schlechte Tage explizit beschreiben — nicht nur gute
- Nächtliche Unruhe, Hinlaufen, Aggressivität notieren
Schritt 2: Hausarzt-Attest mit Diagnose
Ein Attest des Hausarztes oder Neurologen, das Diagnose, Stadium und konkrete Einschränkungen nennt, stärkt den Widerspruch erheblich. Bitten Sie den Arzt ausdrücklich, Verhaltensauffälligkeiten und den Betreuungsaufwand zu beschreiben — nicht nur die Diagnose zu bestätigen.
Schritt 3: Widerspruch innerhalb von 4 Wochen
Nach Erhalt des Pflegegrad-Bescheids haben Sie 4 Wochen Zeit, um Widerspruch einzulegen. Der Widerspruch ist formlos — ein Brief an die Pflegekasse genügt. Den genauen Ablauf erklärt unser Ratgeber Pflegegrad Widerspruch. Wenn der aktuelle Pflegegrad bereits bestandskräftig ist, bleibt die Höherstufung bei verschlechtertem Zustand als Option.
Häufige Fehler bei der Demenz-Begutachtung
Diese drei Fehler kosten am häufigsten Punkte — und damit einen höheren Pflegegrad:
1. Gut-Tag-Phänomen: Patient verhält sich beim MD-Termin „normal"
Menschen mit Demenz können sich in ungewohnten Situationen kurzfristig besser konzentrieren als sonst. Der Gutachter sieht eine Person, die Fragen beantwortet, Namen nennt, scheinbar orientiert wirkt — und wertet entsprechend weniger Punkte. Dagegen hilft nur das Pflegetagebuch als schriftlicher Beleg für die tatsächliche Alltagssituation.
2. Angehörige minimieren: „Klappt schon irgendwie"
Viele Angehörige unterschätzen im Gespräch mit dem Gutachter den tatsächlichen Aufwand — aus Stolz, aus Scham oder weil sie sich inzwischen an das Ausmaß gewöhnt haben. Der Gutachter bewertet, was er hört. Wer sagt „sie kommt noch ganz gut zurecht", riskiert weniger Punkte. Besser: konkrete Beispiele nennen, ohne zu dramatisieren.
3. Kein Tagebuch über mehrere Wochen
Ohne dokumentierten Hilfebedarf kann der Gutachter nur die Aussagen beim Termin bewerten. Verhaltensauffälligkeiten die nachts auftreten, Hinlauftendenzen die tagsüber vorkommen, oder schlechte Tage an denen nichts ohne Hilfe geht — all das ist für den MD unsichtbar wenn es nicht aufgeschrieben ist.
FAQ — Häufige Fragen zu Demenz und Pflegegrad
Reicht eine Demenz-Diagnose für Pflegegrad 2?
Nein. Eine Demenz-Diagnose ist kein automatisches Ticket für PG 2. Der MD bewertet konkret die Selbstständigkeit in den 6 NBA-Modulen — nicht die Diagnose. Im Frühstadium mit leichten kognitiven Einschränkungen kann das Ergebnis PG 1 sein. Erst wenn die Punkte in Modul 2 (Kognition) und weiteren Modulen mindestens 27 Gesamtpunkte ergeben, wird PG 2 vergeben.
Wann lohnt sich eine Höherstufung bei Demenz?
Immer dann, wenn der aktuelle Pflegegrad nicht mehr zur tatsächlichen Belastung passt: Verhaltensauffälligkeiten haben zugenommen, die Körperpflege erfordert mehr Hilfe, oder die Aufsicht wurde aufwendiger. Eine Neubegutachtung kann jederzeit beantragt werden. Innerhalb von 4 Wochen nach Bescheid ist der direkte Widerspruch möglich. Danach ist die Höherstufung der richtige Weg.
Wer kann den Antrag stellen wenn die Person dement ist?
Angehörige mit gültiger Vollmacht können den Antrag stellen. Gibt es keine Vollmacht oder kann die demente Person keine mehr erteilen, ist ein rechtlicher Betreuer notwendig. Der Antrag selbst ist formlos — ein Anruf oder Brief bei der Pflegekasse genügt als Eingang. Die Pflegekasse schickt dann die Formulare.
Wie zählt Hinlauftendenz beim Pflegegrad?
Hinlauftendenz ist ein Merkmal aus Modul 3 (Verhaltensweisen). Sie gibt je nach Häufigkeit und Intensität Punkte in Modul 3. Da Module 2 + 3 kombiniert bewertet werden, zählt die Hinlauftendenz nur dann voll, wenn Modul 3 dadurch höher bewertet wird als Modul 2. Menschen mit ausgeprägter Hinlauftendenz und gleichzeitig starker kognitiver Einschränkung profitieren: Der höhere der beiden Werte fließt in die Gesamtpunktzahl ein.
Reicht Modul 2 + 3 alleine für Pflegegrad 3?
Nein. Module 2 + 3 machen zusammen maximal 15 Punkte aus — für PG 3 werden mindestens 47,5 Punkte benötigt. Die Differenz muss aus anderen Modulen kommen: vor allem Modul 4 (Selbstversorgung, 40 %) und Modul 5 (Krankheitsbewältigung, 20 %). Wer kognitiv stark beeinträchtigt ist, aber alle Alltagsaufgaben noch selbstständig bewältigt, wird in der Regel PG 2 erhalten.
Zusammenfassung
Ob bei Demenz PG 2 oder PG 3 vergeben wird, entscheidet sich nicht allein an der Diagnose oder am Stadium — sondern an der konkreten Punktzahl in allen 6 NBA-Modulen. Module 2 und 3 zählen zusammen maximal 15 Punkte und werden kombiniert gewertet. Den eigentlichen Unterschied macht Modul 4 (Selbstversorgung): Wer hier erhebliche Einschränkungen hat, erreicht die 47,5-Punkte-Schwelle für PG 3.
Für eine realistische Einschätzung: Pflegetagebuch führen, alle Module dokumentieren, Verhaltensauffälligkeiten explizit benennen. Bei zu niedrigem Pflegegrad innerhalb von 4 Wochen Widerspruch einlegen. Den vollständigen Antragsweg erklärt unser Ratgeber Pflegegrad beantragen. Für Haushalte mit Demenz und Sicherheitsrisiko: Informationen zum Hausnotruf bei Demenz und alle NBA-Hintergründe im Ratgeber NBA-Module Pflegegrad 2026.
Quellen und rechtliche Hinweise
- § 14 SGB XI — Begriff der Pflegebedürftigkeit
- § 15 SGB XI — Ermittlung des Grades der Pflegebedürftigkeit (Schwellenwerte und Modulgewichtung)
- Anlage 1 zu § 15 SGB XI — Bewertungssystematik der 6 NBA-Module
- Begutachtungsrichtlinien des GKV-Spitzenverbandes (BRi), Stand 2024 — insbesondere Kapitel zu Modul 2 und Modul 3
- Bundesministerium für Gesundheit — Pflegebedürftigkeit und Pflegegrade
- Medizinischer Dienst — Pflegebegutachtung
Alle Angaben wurden im Mai 2026 recherchiert und geprüft. Rechtsänderungen sind möglich. Dieser Artikel ersetzt keine individuelle Rechts- oder Pflegeberatung.
