
Experte für Pflegerecht
Geantwortet 20.4.2026
Hallo,
einen Pflegegrad zu beantragen klingt erstmal komplizierter, als es tatsächlich ist. Hier der Ablauf Schritt für Schritt.
1. Antrag bei der Pflegekasse stellen. Die Pflegekasse ist immer bei deiner Krankenkasse angesiedelt — also z. B. AOK, TK, Barmer, DAK. Den Antrag kannst du auf drei Wegen stellen:
- Telefonisch: einfach anrufen und sagen „Ich möchte einen Pflegegrad beantragen".
- Schriftlich: ein formloses Schreiben reicht — Name, Versicherungsnummer, Geburtsdatum, Datum, Unterschrift, Satz „Hiermit beantrage ich Leistungen der Pflegeversicherung."
- Online über die Website oder App der Krankenkasse.
Wichtig: Der Tag des Antragseingangs zählt. Ab diesem Tag wird später rückwirkend gezahlt (§ 33 Abs. 1 SGB XI). Also lieber heute als morgen stellen.
2. Unterlagen abwarten. Du bekommst innerhalb weniger Tage ein Antragsformular zugeschickt. Fülle es gewissenhaft aus und schicke es zurück. Dort werden Diagnosen, behandelnde Ärzte und die Pflegesituation abgefragt.
3. Begutachtung durch den Medizinischen Dienst. Ein Gutachter kommt nach Terminvereinbarung zu dir nach Hause und prüft nach dem Neuen Begutachtungsassessment in sechs Modulen:
- Mobilität (z. B. Aufstehen, Treppensteigen)
- Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
- Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
- Selbstversorgung (Waschen, Anziehen, Essen)
- Bewältigung krankheitsbedingter Anforderungen (Medikamente, Arzttermine)
- Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte
Aus den Punkten ergibt sich der Pflegegrad 1 bis 5.
4. Bescheid. Nach ca. 25 Arbeitstagen bekommst du den Bescheid. Bei Überschreitung der Frist stehen dir 70 € pro Woche Verzögerung zu (§ 18 Abs. 3b SGB XI).
So bereitest du die Begutachtung optimal vor:
- Pflegetagebuch ein bis zwei Wochen vorher führen (täglich notieren: wo, wie lange, welche Hilfe).
- Arztberichte, Medikamentenplan, Krankenhausberichte bereitlegen.
- Eine zweite Person sollte beim Termin dabei sein (Angehöriger oder Pflegeperson).
- Nicht schönreden. Schildere ehrlich deinen schlechtesten Tag, nicht deinen besten.
- Alle Einschränkungen ansprechen, auch peinliche (Inkontinenz, Stürze, Orientierungsprobleme).
Kostenlose Unterstützung gibt es beim Pflegestützpunkt in deiner Region, bei Sozialverbänden wie VdK oder SoVD und über die Pflegeberatung nach § 7a SGB XI.
Viele Familien stellen den Antrag zu spät. Sobald regelmäßig Hilfe im Alltag gebraucht wird, lohnt sich der Antrag — selbst Pflegegrad 1 bringt 131 € Entlastungsbetrag pro Monat, Zuschüsse für Wohnraumanpassung und kostenlose Pflegehilfsmittel.
Fachlicher Prüfer für Pflegerecht, Leistungsansprüche und Antragsverfahren nach SGB XI. —
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