Ausgabe #12 · 21. Mai 2026
Warum Pflegeberater von den Krankenkassen kaputt gespart werden
Vergangene Woche haben wir mit Jennifer gesprochen — sie gehört zu Valent Cura, einer der wenigen unabhängigen Pflegeberatungen in Thüringen, mit Sitz in Gera. Es ging um eine einfache Frage: Wie bekommen pflegende Angehörige eigentlich noch eine Beratung, die ihnen wirklich hilft?
Die Antwort war ernüchternd. Und sie erklärt, warum wir Pflegekompass überhaupt gebaut haben.
📋 Thema der Woche
Es gibt zwei Pflegeberatungen — und die wichtigere kennt kaum jemand
Wer im Pflegesystem ankommt, hört früher oder später von „der Pflegeberatung". Dahinter stecken in Wahrheit zwei sehr unterschiedliche Dinge.
Die Beratung nach § 37 Absatz 3 SGB XI ist die verpflichtende. Wer Pflegegeld bezieht, muss in regelmäßigen Abständen einen Beratungsbesuch zulassen — eine Art Qualitätskontrolle der Pflegekasse. Man bekommt sie also, ob man will oder nicht.
Die Beratung nach § 7a SGB XI ist die andere — und für die meisten Familien die eigentlich entscheidende. Sie ist die organisatorische Pflegeberatung: Sie hilft dabei, sich im Pflegechaos zurechtzufinden. Welche Leistung steht zu? In welcher Reihenfolge beantragt man was? Was passt zur eigenen Situation? Diese Beratung ist ein gesetzlicher Anspruch, sie ist kostenfrei, und man kann sie so oft nutzen, wie man möchte.
Genau die § 7a-Beratung ist für viele pflegende Angehörige die wichtigste Stellschraube, um überhaupt wieder Orientierung zu finden. Sie ist im Grunde das, was wir mit Pflegekompass digital aufbauen — der WhatsApp-Assistent, das Forum, das Magazin — nur eben persönlich und zugeschnitten auf Ihre Lage.
Und genau diese Beratung wird gerade kaputt gespart. Wie das aussieht, hat uns Jennifer erzählt.
💬 Das Gespräch
Die Rechnung, die nicht aufgeht
Unabhängige Pflegeberatung findet oft in kleinen Büros statt — getragen von einzelnen Menschen, nicht von großen Trägern.
Jennifer hat es für uns durchgerechnet. Wenn sie alles zusammennimmt, was zu einer § 7a-Beratung über die Kasse gehört — die Kassenanforderungen erfüllen, die eigentliche Beratung leisten, alles dokumentieren und am Ende mit den Kassen abrechnen — und diese gesamte Arbeitszeit dem Honorar gegenüberstellt, dann landet sie bei einem Stundenlohn von 34 bis 40 Euro. Und das ist der Betrag, bevor irgendetwas anderes abgezogen ist: vor Anfahrt, vor Betriebskosten, vor den Abgaben, die als Selbstständige fällig werden. Was real übrig bleibt, liegt unter 20 Euro pro Stunde.
Tragfähig wäre die Arbeit erst bei einem ganz anderen Satz. Damit eine unabhängige Beratung wirtschaftlich überhaupt funktioniert — mit Büro, Versicherung, Fortbildung, Ausfallzeiten — müsste Jennifer rund 110 Euro pro Stunde ansetzen. Zwischen dem, was die Kasse bietet, und dem, was die Arbeit kostet, klafft also fast das Dreifache.
Dazu kommt das Haftungsrisiko. Wer berät, haftet auch für seine Beratung. Rät er falsch, kann das für die pflegebedürftige Person teuer werden — bis hin zu hohen Nachzahlungen an die Pflegekasse. Entsprechend lassen sich Versicherer die Betriebshaftpflicht für Pflegeberater gut bezahlen. Noch ein Posten, der vom ohnehin zu kleinen Kassen-Honorar abginge.
Und dann ist da die Qualifikation. Pflegeberatung darf nicht jeder machen. Grundlage ist eine einschlägige Ausbildung — etwa als Pflegefachkraft, Sozialversicherungsfachangestellte oder im Sozialwesen. Darauf kommt eine Weiterbildung von mindestens 400 Theoriestunden nach den Empfehlungen des GKV-Spitzenverbandes: Pflegewissen, Case Management, Recht, Kommunikation. Wer aus einem kassennahen Beruf kommt, muss zusätzlich ein 80-stündiges Praktikum vorweisen. Danach ist regelmäßige Fortbildung Pflicht.
Weil die Abrechnung über die Kasse so nicht funktioniert, bleibt Jennifer nur ein Weg: privat abrechnen. Eine Begleitung durch die Pflegegrad-Begutachtung etwa kostet bei einem tragfähigen Satz rund 395 Euro. Nur — diesen Betrag einfach in Rechnung zu stellen, ist für viele Familien in einer ohnehin angespannten Lage kaum machbar.
Also gestaltet Jennifer ihr Honorar erfolgsabhängig. Wird der Pflegegrad nach der Begutachtung erteilt, zahlt die Familie — der Betrag entspricht ungefähr dem ersten Monat des Pflegegeldes, das ab dann ohnehin neu fließt. Wird der Antrag abgelehnt, geht Jennifer leer aus. Das unternehmerische Risiko des kaputtgesparten Systems trägt am Ende sie selbst.
Die Konsequenz ist absehbar: Unabhängige Pflegeberater geben auf. Wo es sie noch gibt, zahlen Pflegebedürftige die Beratung faktisch selbst — eine saubere Abrechnung über die Pflegekasse ist in der Praxis kaum möglich, obwohl das Gesetz private Berater ausdrücklich vorsieht.
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Während die Pflegeberatung kompliziert geworden ist, gibt es eine Leistung, die einfach geblieben ist: die Pflegebox. Ab Pflegegrad 1 haben Sie Anspruch auf Pflegehilfsmittel zum Verbrauch im Wert von bis zu 42 € pro Monat — Einmalhandschuhe, Desinfektion, Bettschutz, Schürzen. Komplett von der Pflegekasse bezahlt, kein Eigenanteil.
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📋 Einordnung
Thüringen ist ein Blick in die Zukunft — leider
Pflege ist Ländersache, und das merkt man. In Bayern und Baden-Württemberg ist die unabhängige Pflegeberatung nach allem, was Jennifer schildert, deutlich besser ausgestattet — dort fließen höhere Summen an die Berater, die Strukturen sind stabiler.
Thüringen zeigt dagegen, wohin die Reise geht, wenn an der Beratung gespart wird. Und es ist kein Thüringer Sonderweg: Der Spardruck in der Pflegeversicherung steigt bundesweit. Was heute in Gera Alltag ist, kann morgen in München oder Stuttgart Realität sein.
Deshalb war uns dieses Gespräch wichtig. Nicht um schwarzzumalen — sondern um zu zeigen, warum es Angebote braucht, die unabhängig von der Kassenfinanzierung funktionieren.
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💭 Was wir daraus machen
Beratung, die nicht von einer Ausschreibung abhängt
Wenn die gesetzliche Beratung kaputt gespart wird, bleibt eine Lücke. Genau in diese Lücke bauen wir Pflegekompass: das Magazin mit geprüften Ratgebern, das Forum für den Austausch unter Angehörigen, und Sarah — unsere digitale Wegbegleiterin auf WhatsApp, die rund um die Uhr erste Orientierung gibt.
Das ersetzt keine persönliche § 7a-Beratung — und soll es auch nicht. Aber es ist da, wenn sonst niemand greifbar ist. Und es hängt nicht davon ab, was eine Krankenkasse gerade bereit ist zu zahlen.
📖 Aus dem Forum
Was andere Angehörige diese Woche fragen
Genau die Fragen, bei denen eine gute Pflegeberatung helfen würde — beantwortet von unseren Fachprüfern und der Community.
Welche finanziellen Hilfen gibt es für pflegende Angehörige im Alltag?
Erfahrungswerte aus der Community zu Entlastungsbetrag, Wohngeld und Stiftungen. Zur Diskussion →
Pflegegrad nach Telefon-Begutachtung abgelehnt — wie wehre ich mich?
Was Sie tun können, wenn die Einstufung nicht zur tatsächlichen Lage passt. Zur Diskussion →
Eine Beratung, die hilft, sollte keine Frage des Wohnorts sein.
Bis nächsten Donnerstag,
Tobias von Pflegekompass
P.S. Unser Dank geht an Jennifer von Valent Cura in Gera, die sich die Zeit für dieses Gespräch genommen hat. Wer in Ostthüringen eine unabhängige Pflegeberatung sucht, ist dort an einer guten Adresse. Und wenn Sie selbst in der Pflegeberatung arbeiten und Ihre Erfahrung teilen möchten — antworten Sie gern direkt auf diese Mail. Wir hören zu.

