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Warum erreicht Musik Demenzkranke noch im Spätstadium?

P
Pflegekompass-LeserEingereichte Frage

Gefragt 04. Mai 2026 um 12:21

Mit Musik (selber machen oder singen) bekommt man sie alle. Ich habe 13 Jahre im Seniorenheim gearbeitet. Wenn nicht mal mehr Mensch-ärgere-dich-nicht geht (Was ist ein Würfel? Welchen Setzer soll ich wohin setzen? Wer ist dran?...) und auch der Anblick von eigenen Fotos nichts mehr sagt: einfach ein altes Volkslied anstimmen, wetten, die Dementen zeigen Interesse oder summen/singen/wippen mit? Musik ist sooo ein tolles Kommunikationsmittel! Einzige Voraussetzung: ich muss wissen, dass nur noch das Langzeitgedächnis funktioniert, ca bis zum 20. Lebensjahr. Also wenn ein Dementer 80 Jahre ist, muss ich mich gut 60 Jahre zurück versetzen. Dann sind wir also in den 50er bis 60er Jahren. Die Hits von damals und meist auch die Idole kennen sie alle!!! Liebe Grüße, Bettina aus Hamburg 😊

1 Antwort

Maria
MariaExperte

Fachärztin für Altersmedizin

Geantwortet vor 2 Std.

: Hallo Bettina, deine Beobachtung aus 13 Jahren Heim deckt sich exakt mit dem, was die Demenzforschung inzwischen recht gut erklären kann. Zwei Mechanismen greifen ineinander: Erstens werden die Hirnareale für musikalisches Gedächtnis (vor allem im medialen präfrontalen Cortex und in Teilen des Kleinhirns) bei Alzheimer deutlich später und schwächer angegriffen als der Hippocampus, der für neue Erinnerungen zuständig ist. Deshalb gehen Würfelregeln, Namen und Fotos verloren — Liedtexte, die seit Jahrzehnten verankert sind, bleiben oft bis ins fortgeschrittene Stadium abrufbar. Zweitens stimmt deine Faustregel "60 Jahre zurück" sinngemäß, ich würde sie nur leicht ergänzen: In der Gerontopsychologie heißt das Phänomen "Reminiszenz-Effekt" — am stabilsten sind autobiografische Inhalte aus dem Zeitraum etwa 10. bis 30. Lebensjahr. Bei einer 80-jährigen Person triffst du also nicht nur die 50er und frühen 60er, sondern bist mit Schlagern, Volksliedern und Hochzeitsmusik bis Mitte 60er meistens richtig. Wer in Hamburg groß wurde, reagiert oft besonders stark auf Hans Albers, Freddy Quinn oder Lale Andersen — regionale Verankerung verstärkt den Effekt zusätzlich. Was in der Praxis noch hilft, falls jemand mitliest und es ausprobieren will: - Live singen schlägt Konserve. Die eigene Stimme triggert Mitsingen viel zuverlässiger als CD oder YouTube, weil Tempo und Tonart anpassbar sind und Blickkontakt entsteht. - Vertraute Lieder vor unbekannten. Neue "schöne" Musik bringt im fortgeschrittenen Stadium fast nichts — das Gehirn hat keinen Anker mehr dafür. - Bei Unruhe und sogenanntem Sundowning am späten Nachmittag wirkt ruhiges, getragenes Singen oft besser als jede Bedarfsmedikation. - Vorsicht bei traurig konnotierten Liedern (Kriegsjahre, Abschied) — sie können Tränen auslösen, was an sich nicht schlimm ist, aber begleitet werden sollte. Stichwort für alle, die das systematischer angehen wollen: "Musiktherapie bei Demenz" wird in vielen Einrichtungen vom Sozialdienst koordiniert, einzelne Krankenkassen bezuschussen entsprechende Gruppenangebote über Präventionsbudgets nach § 20 SGB V. Praxisbeobachtungen wie deine sind im Forum übrigens Gold wert — danke fürs Aufschreiben.
Fachärztliche Prüferin für Altersmedizin, Mobilität und körperliche Gesundheit im Alter.Zum Profil
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